UN-Treffen legen zentrale Spannungen der KI-Governance offen

Genfs CSTD-Tagungen legten Bruchlinien offen – Chancengleichheit, Governance-Philosophie, sektorale Auswirkungen – die KI-Gipfeltreffen im Juli prägen könnten.

UN-Treffen im April legten vier Spannungen der KI-Governance offen: Wer hat die Infrastruktur und Kapazität, um KI zu entwickeln? Wie sollte Daten grenzübergreifend gesteuert werden? Können Entwicklungsländer auf Technologie zugreifen und diese übertragen? Und ob Regulierung KI lenkt oder einschränkt. Diese Fragen werden die globalen KI-Gipfel im Juli prägen – und die Antworten könnten internationale KI-Politik jahrelang gestalten.

UN-Treffen in Genf vom 20.–24. April legten mehrere Spannungen offen – Chancengleichheitslücken, Daten-Governance, Infrastruktur-Konzentration, Kapazitätsmängel – die die globale KI-Regulierung jahrelang gestalten könnten.

Die Kommission für Wissenschaft und Technologie für Entwicklung (CSTD) hielt ihre 29. Tagung unter dem Thema „Wissenschaft, Technologie und Innovation im Zeitalter der KI" ab. Die Agenda umfasste Daten-Governance-Rahmen, Technologietransfer-Verpflichtungen, Kapazitätsaufbau und die 20-jährige Überprüfung des Weltkipfels zur Informationsgesellschaft. Aber durch alle Diskussionen zog sich eine grundlegende Frage: Während KI die Entwicklung umgestaltet, wer darf KI bauen und steuern – und wer ist ausgeschlossen?

Die zentralen Spannungen

Vier miteinander verbundene Probleme entstanden aus den CSTD-Diskussionen.

Die KI-Einführungskluft. Die KI-Einführung im Globalen Norden wächst fast doppelt so schnell wie im Globalen Süden. Die ITU-Generalsekretärin hob stark Disparitäten hervor: Nur 33 Länder haben Inferenz-Grade-KI-Rechenkapazität, nur 24 haben Training-Grade-Kapazität, und der Globale Süden – Heimat von der Hälfte der Internetnutzer weltweit – hält weniger als 10% der globalen Rechenzentrumskapazität.[1] Ein einziges Land betreibt zehnmal mehr Rechenzentren als jedes andere; ein einziges Unternehmen stellt beinahe jeden führenden KI-Chip her.[1] Diese Konzentration könnte bestimmen, wer KI-Entwicklungskapazität hat – und wer von den Entscheidungen anderer abhängig bleibt.

Daten-Governance und verantwortungsvolle KI. Das Treffen widmete erhebliche Aufmerksamkeit Daten als Grundlage für KI. Ohne klare Governance-Rahmen für Daten – wie Daten grenzübergreifend fliessen, wem sie gehören, wie sie schützt sind – wird verantwortungsvolle KI-Einführung schwierig. Entwicklungsländer könnten besonders Schwierigkeiten haben, diese Rahmenbedingungen zu gestalten, wenn sie nicht eingebunden sind.

Technologietransfer und Kapazitätsaufbau. Minister aus Entwicklungsländern hoben wiederholt eine zentrale Herausforderung hervor: Zugang zu fortgeschrittenen Technologien bleibt begrenzt, und Partnerschaften bauen oft keine bleibende institutionelle Kapazität auf. Training, Infrastruktur und Ressourcen, die Länder für sinnvolle Teilnahme an der KI-Wirtschaft benötigen, bleiben in wohlhabenderen Regionen konzentriert.

Eine Governance-Philosophie-Kluft. Die dominante Metapher, die die Politik prägt, ist dass Regulierung als „Bremse" auf Innovation fungiert. Auf der Digital World Conference (DWC): AI for Social Development hinterfragte Geoffrey Hinton dies scharf: Regulierung sollte wie ein Lenkrad funktionieren – ein aktives Instrument für die Steuerung, wie sich KI entwickelt.[2] Diese scheinbar technische Unterscheidung könnte bestimmen, ob Länder KI zu ihren eigenen Prioritäten lenken können, oder ob sie einfach Trajektorien akzeptieren, die anderswo gesetzt werden.

Zwei Gipfeltreffen, ein bedeutsamer Moment

Die CSTD-Tagungen setzen die Agenda für das, was kommt. Im Juli treffen sich zwei grosse KI-Governance-Ereignisse in Genf:

  • 6.–7. Juli: UN Global Dialogue on AI Governance – Mitgliedstaaten, Akademie, Zivilgesellschaft und Privatsektor werden diese Spannungen direkt confrontieren: Wie überbrücken wir KI-Gräben? Wie sieht vertrauenswürdige KI-Governance wirklich aus? Wie schützen wir Menschenrechte in einer KI-gesteuerten Welt?
  • 7.–10. Juli: Der AI for Good Global Summit kehrt nach Genf zurück, offen für die Öffentlichkeit und setzt die Rolle der Stadt als globaler Drehpunkt der KI-Governance fort.

Diese Ereignisse, die sich unmittelbar folgen, schaffen ein fokussiertes Fenster: Die Diskussionen, die fragmentiert über Politik, Technologieunternehmen und Zivilgesellschaft verteilt waren, könnten an einem einzigen Ort scharf ins Visier kommen.

Was das bedeutet

Die auf der CSTD identifizierten Spannungen sind nicht abstrakte politische Debatten. Sie bestimmen, wer auf die Infrastruktur zugreifen kann, um KI zu entwickeln, wer Governance-Rahmenbedingungen beeinflusst und wer an der Regelaufstellung partizipieren darf.

Für Schweizer Organisationen und Compliance-Teams ist das unmittelbar relevant. Die Daten-Governance-Standards, Technologietransfer-Erwartungen und Kapazitätsaufbau-Verpflichtungen, die in Genf debattiert werden, werden wahrscheinlich zu technischen Normen, die Schweizer Märkte zuerst erreichen – über Banker, Versicherer und Tech-Unternehmen, die in globale Netzwerke eingebunden sind.

Grundsätzlicher noch: Die internationale Gemeinschaft steht vor einer Wahl über die Zukunft der KI. Kann sie sowohl das Motor als auch das Lenkrad zusammen bauen – KI-Innovation beschleunigt die Entwicklung, Governance lenkt sie zu gemeinsamen Prioritäten?


Quellen

[1] CSTD 29. Tagung – Eröffnungsplenum und Ministerielle Rundtischkonferenz – Reden von Doreen Bogdan-Martin, ITU-Generalsekretärin. 20.–24. April 2026.

[2] Geoffrey Hinton zur KI-Governance – Reden auf der Digital World Conference (DWC): AI for Social Development, gemeinsam organisiert von UNRISD in Genf. UN Radio, 23. April 2026.